Roter Himmel über Havanna

Während in meiner Wohnung in Berlin nach einem Einbruch die Tür beschädigt war und durch Komplikationen mit der Hausverwaltung 2 Tage nicht repariert wurde, erlebten wir hier wieder eine Menge Sachen. Der Hurrikan hat vorgestern nacht im Osten des Landes gewütet, aber laut Landesmedien (meine Schwester sagt, die mexikanischen Medien berichteten von 11 Toten) wohl keine Verletzten hinterlassen (bzw. alle wurden rechtzeitig evakuiert) und ist gestern morgen Richtung USA weitergezogen. Wegen dem schlechten Wetter (böeig mit starkem Regen), ist allerdings der Schulbetrieb eingeschränkt und bis abends war es ungewöhnlich stürmisch – und der Himmel rot gefärbt, was natürlich Anlass für einige Wortwitze gab.

Für den geneigten Leser hier die read more-Version:

Es war schon sehr absurd: da reden wir in einer größtenteils von Locals besuchten Terrassenbar am Malecón mit unseren Tischnachbarn über die geringe Kriminalitätsrate in Kuba, da kriege ich einen Anruf aus dem Wedding, dass meine Wohnung aufgebrochen wurde und der Zwischenmieterin sämtliche Wertgegenstände geklaut worden sind. Ob die in meiner Straße ansässigen Streetfighters damit etwas zu tun hatten oder wenn nicht, warum sie die Kleinkriminalität vor ihrer Haustür nicht verhindert haben, darüber kann man natürlich nur spekulieren. Für unsere kubanischen Bekannten war das alles natürlich interessant, weil sie derartige Zustände eigentlich nur aus Geschichten oder Filmen kennen und so beteiligten sie sich lebhaft an der Diskussion, warum das gerade jetzt (2 Tage nach meiner Abreise) passiert ist und wer das getan haben könnte.

Mir ist es leider nicht immer gelungen, mir keine Sorgen zu machen und mit meinen Gedanken ganz hier zu sein. Zum Glück haben aber einige liebe Nachbarn (danke Gülüm, Mery, Christina und Turk!) ab und an im Treppenhaus und durchs Fenster nach dem Rechten gesehen, was mich sehr beruhigt hat. Seit gestern mittag ist die Tür jedoch wohl soweit repariert, dass sie wieder verschließbar ist.

Kulturprogramm: Paduras Baseball-Lesung

Am Mittwoch waren wir bei einer Lesung des kubanischen Autors Leonardo Padura, von dem ich dieses Jahr viel gelesen habe (zur Zeit: „Fiebre de Caballos“). Die Lesung zur Rolle des Baseball in Kuba fand statt in der historischen Altstadt in der Stiftung Alejo Carpentier (nach José Martí berühmtester kubanischer Literat). Dort hatte ein sehr heterogenes Publikum aus Intellektüllen und Sportinteressierten/ Sportlern auf Stuhlreihen im Innenhof des Gebäudes Platz genommen. Padura selbst merkt man die Begeisterung für den Baseball auch in seinen Texten an, so z.B. als ständiges Gesprächsthema zwischen den Protagonisten der Krimi-Reihe „Havanna-Quartett“. In diesem Fall las er sogar einen mehrseitigen Essay zur Bedeutung des Baseball für die kubanische Kultur im allgemeinen und besonderen. Er betonte vor allem die Wichtigkeit der Sportart für die kubanische Identität und dessen integrative Funktion für die Gesellschaft (alt und jung, arm und reich, schwarz und weiß).

Die darauffolgende Diskussion mit dem Publikum wurde schnell laut und emotionsgeladen geführt und von vielen ausladenden Gesten, Zurufen und spontanem Applaus begleitet. Von allen Seiten bedauert wurde aber die Vernachlässigung durch die Politik (es fehle an Freiräumen zum Spielen, Instandhaltung der Stadien und Nachwuchsförderung) und die zunehmende Verdrängung durch den Fußball. Der Jugend von heute sei es wichtiger, ob Real oder Barça gewinne, als ihren Heimatverein in der Baseball-Nationalliga zu supporten. Die Redner waren dabei durchaus regierungs- und auch selbstkritisch. Man müsse die Jugend mehr motivieren und die „Fußballisierung“ nicht einfach hinnehmen.

 

Eine ältere Intellektuelle ließ es sich nicht nehmen, die Frage nach der mangelnden Repräsentation von Frauen im Baseball in den Raum zu werfen, was jedoch im Anschluss nicht weiter thematisiert wurde. Von der Veranstaltungsreihe zum Thema „Baseball in Kuba“, deren Abschluss Paduras Lesung bildete, erhofften sich viele der Anwesenden einen Schneeballeffekt für den gesellschaftlichen Diskurs in Sachen Baseball. Die Organisatorin betonte in ihrer etwas ausufernden Abschlussrede noch, dass Baseball auch ein Ort der Diskussion und allgemeinen Reflektion darstelle, der insofern von immenser Wichtigkeit für die kubanische Gesellschaft sei. Danach gab es noch eine Foto- und Autogrammstunde von Padura, der in Kuba durch seine sehr realitätsnahe Beschreibung der kubanischen Alltagsprobleme nicht immer wohlgelitten war, jetzt jedoch relativ salonfähig geworden zu sein scheint.

Die organisierte Schulbesichtigung

Vorgestern wurden wir dann durch eine Unterstufe in West-Havanna geführt. Der Besuch war durch das GEW-Pendant SNTECD organisiert worden, mit denen wir im Vorfeld zu diesem Zweck Email-Kontakt aufgebaut hatten. Die Schule, „Fructuoso Rodriguéz“ hat wohl innerhalb Havannas einen sehr guten Ruf, wie uns von mehreren Bekannten versichert wurde. Wir wurden dort von einer Reihe ausgewählter Pionier-Vertreter (sowas wie FDJ) begrüßt, die uns brav aufgereiht am Schultor empfingen.

Die Schulleiterin, eine Referendarin und zwei ältere Lehrerinnen führten uns dann durch den Schulhof und die Bibliothek, bis wir uns in der Schulleitung auf Sofas zusammensetzten und uns über unsere Schulsysteme und die Herausforderungen des Lehrerberufs austauschten – wobei ich meist nur als Dolmetscherin fungierte.

Als wir auf die Architektur und die prunkvollen Wandmalereien und Säulenkonstruktionen zu sprechen kamen, die die Schule dominierten, wurde es etwas heikel: ich fragte, ob die ehemalige Villa im Zuge der Revolution „enteignet“ worden sei. Mit großen Augen sahen mich unsere Gesprächspartnerinnen an. Dies lag wohl auch daran, dass ich von beiden möglichen Begriffen (enteignen/verstaatlichen), den aggressiveren gewählt hatte.

Abschließend wurde mir die Frage auch leider nicht beantwortet, nur dass die Schule auch vor dem „Triumph der Revolution“ als Privatschule fungiert habe. Dieser von mir „Revolutions-Rhetorik“ getaufte Sprachgebrauch zieht sich jedoch durch fast sämtliche Gespräche mit Kubanern, auch im privaten Raum. Manchmal kommt es mir vor als sei, der endgültige Sieg der revolutionären Kräfte in 1959 in der kubanischen Zeitrechnung regelrecht mit der christlich-westlichen Einteilung „vor und nach Christus“ zu vergleichen. In der staatlichen Schule war derartiger „revolutionärer“ Sprachgebrauch natürlich noch um einiges offensiver.

Die Klassen haben je nach Größe des Klassenzimmers 17-35 Schüler; die Klasse bleibt von der 7. bis 9. im gleichen Raum. Jeder Raum verfügt auch über einen (Flachbild-)Fernseher, mit dem man nach dem Mittag sehen kann, „was man schon gemacht hat“ – a.k.a. die Nachrichten im Staatsfernsehen.

Insgesamt habe ich viel interessantes über das kubanische Schulsystem gelernt: inzwischen landesweiter Ganztagsbetrieb (ausdrücklich auch zur Förderung der Gleichberechtigung) mit Mittagessen und vielen planmäßigen Freiräumen für „Interessenszirkel“ (wie AGs denke ich) und Möglichkeiten für „Textil und Werken“, Gärtnern im Schulgarten, Literaturzirkel, Informatik mit dem Schwerpunkt Html und eingehende Berufsberatung und „Talententwicklung“. Nach der Unterstufe (7.-9. Klasse) gibt es nämlich 3 Möglichkeiten: Politecnica (eher Naturwissenschaften), Pre-universitario (Vorstufe zum Studium von Humanwissenschaften glaube ich) oder Fachschulen mit starker betrieblicher Bindung und am regionalen Bedarf ausgerichtet (Hotelwesen, Dolmetscher, Friseure, Kosmetiker, Gärtner etc.). Es soll idealerweise versucht werden, früh die Talente der Schüler festzustellen und diese dementsprechend individuell zu fördern, sodass alle den höchstmöglichen Abschluss in dem erlangen, worin sie besonders gut sind.

Die Lehrer und insbesondere die jungen Referendare, die wir – auch auf den Gängen – kennenlernten begegneten uns sehr herzlich und den Umständen entsprechend offen. Viele schienen sehr persönliche und herzliche Beziehungen zu den Schülern zu haben. Wieviel davon real und wieviel Show war, lässt sich natürlich nicht abschließend beurteilen. Sie schienen jedenfalls sehr engagierte und passionierte Lehrer zu sein, die auch offen über die Probleme insbesondere bei der Arbeit mit Teenagern redeten.

Was uns persönlich allerdings etwas irritierte, war, dass einer der Referendare uns gegen Ende hin ernsthaft fragte, ob wir auch der Partei der deutschen Kanzlerin angehörten… Papa entgleisten kurz sämtliche Gesichtszüge. Der junge Mann und auch die andere Referendarin haben aber wohl viel Kontakt mit deutschen und auch österreichischen jungen Leuten, von denen sie auch schon Besuch gekriegt hatten und stellten viele kompetente Fragen zur deutschen Wirtschaft und Politik.

Nebenher lerne ich natürlich weiterhin viel über die politische Situation, die ich jedoch denke ich lieber am Ende der Kuba-Zeit gesammelt wiedergebe, da sich mein Wissen ja noch fortgehend vertieft und meine Meinung differenzierter wird.

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2 Gedanken zu “Roter Himmel über Havanna

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