Letzte Male oder „Hasta la vista, Cuba“

Die letzten Tage in Kuba sind wie im Flug vergangen. Auf Anraten der Familie, wo ich lebe (und dem Touri-Guide, der bei uns im Haus wohnt und immer zum Waschen und/oder Kaffeetrinken runterkommt), machte ich noch zwei Reisen. Die erste richtig touristisch – 4 Städte in 2 Tagen, inklusive Essen im Yachthafen und Übernachtung im fancy Hotel bzw. Bungalow-Komplex mit anderen Ausländern. Die zweite war eine Eintags-Tour wieder in die Tabakprovinz Pinar del Rio, wo ich schon mit Eva und Papa war. Es begleitete mich die komplette „Gastfamilie“.

Nachdem mich das baldige Ende meines Kuba-Aufenthaltes zunächst erschreckt hatte, wuchs die Vorfreude auf meine „zweite Heimat“ Panama mit der Zeit immer mehr. Dienstagmorgen bin ich gelandet, habe mich abends mit meiner Gastschwester Vanessa getroffen und einen langen Erzählabend auf ihrem Balkon mit Blick auf die Skyline verbracht. Donnerstag bin ich dann in „meine“ Provinz Chiriquí und dort direkt nach Volcán gefahren, wo ich 2003 die Schule besucht und immernoch die meisten Bekannten habe.

4 Städte in 2 Tagen (oder so)

Nachdem ich mich ziemlich durchringen musste, so eine richtige (und auch etwas teurere) Touri-Tour zu machen, gings Donnerstagmorgen überpünktlich (um 7.20) von einem Hotel in der Nähe meiner Wohnung los. Wir sammelten dann noch die anderen Teilnehmer von ihren Hotels ein, die da waren: ein Mittdreißigerpärchen aus Güernsey, ein Enddreißigerpärchen aus Wales (Sharon & Glyn) und ein Professorenpärchen um die 60 aus Spanien, die für einen Ernährungskongress in Havanna waren und die Gelegenheit für eine schnelle Entdeckungstour nutzten. Sie waren wirklich alle sehr nett und aufgeschlossen, was meine (zugegebenermaßen auf Vorurteilen) basierende Befürchtungen bezüglich all inclusive-Touristen zum Glück nicht bestätigte. Gleich zu Anfang eröffnete uns der Guide, dass wir nicht wie geplant 2 Städte pro Tag machen würden. Es gab Kapazitätsprobleme bei den Hotels, sodass wir statt in „Stadt Nr. 2“ in „Stadt Nr. 4“ übernachten mussten und die ersten 3 gleich noch am ersten Tag absolvierten. „Stadt Nr. 1“ war das sehr französisch-kolonial geprägte Cienfuegos, innerhalb Kubas auch „die Perle des Südens genannt“. An einer sehr grünen und entspannten Bucht gelegen, besticht die kleine Stadt durch ihre schöne Architektur – nicht nur im Vergleich zu Havanna sehr gut in Schuss – und ihre vielen kleine Häfen und Landzungen. Wir aßen dann auch entsprechend dekadent in einem am Yachthafen gelegenen Restaurant zu Mittag. „Das könnte überall auf der Welt sein“, bemerkte die Spanierin.  Interessant war auch eine kleine „Mini-Alhambra“ – ein sehr maurisch geprägtes Gebäude, wo wir alle einen Cuba Libre aus Plastikbechern und Zeit zum Fotografieren kriegten.

Im klimatisierten Reisebus gings dann weiter nach Trinidad, das uns von dem Sachsenpärchen, das wir in Viñales kennengelernt hatten, als “im Mittelalter stehengeblieben, gefährlich und voller jineteros“ beschrieben worden war. Tatsächlich wurden wir auch schon beim Aussteigen von einer Handvoll Personen begrüßt, die uns Ketten, Taxis etc. anboten. In Trinidad besichtigten wir u.a. eine traditionsreiche Töpferei – neben dem Bild vom Großvater ist Fidel Castro mit einer Vase von ihnen zu sehen. Im Gegensatz zu Fidel Castro ist der Großvater allerdings immernoch aktiv und saß im hinteren Teil des Werkstattladens an seinem Töpferstuhl – im Che-Guevara-Shirt.

Der Ort selbst war dominiert von engen, oft kopfsteingepflasterten Gassen mit schmalen, ohne Abstand aneinandergebauten bunten Häusern. Die Häuser und Bewohner machten auf mich insgesamt den Eindruck, als wäre der Lebensstandard niedriger noch als in anderen Städten – trotz dem extensiven Tourismus und Shops und Dienstleistern an jeder Ecke.

Die letzte Station Sancti Spiritus erreichten wir nach mehrstündiger Fahrt durch grüne Berglandschaften erst bei Dunkelheit – für eine Tour oder Fotos reichten Licht und Zeit leider nicht mehr. Nach einer kurzen Einführung zu Stadtgeschichte und den wichtigsten Gebäuden im Stadtkern hatten wir 20 Minuten Zeit für eine kurze Erkundungstour. Ich sah: viele gut in Schuss gehaltene Gebäude, viele gutsortierte Läden (in CUC meist) und sehr viele kulturelle Einrichtungen. Nicht nur Malerei, sondern auch Ankündigen bzw. Häuser für Theater, Musik und Autorenvereinigungen mit Lesungen sah ich in der kurzen Zeit – ich wäre gern noch länger geblieben.

Leider gings dann wieder in den Reisebus nach Santa Clara, wo wir nach der Ankunft in unsere geräumigen Zimmer in Bungalows geführt wurden und uns dann alle an einem Tisch zum Abendessen (Büffet^^) trafen. Wir unterhielten uns nach dem Essen noch lange über unsere Eindrücke von Kuba und politische Systeme allgemein und dann über die Unabhängigkeitsbestrebungen von Schottland. Die beiden aus Güernsey meinten, dass Schottland kaum eigene Einkünfte habe, sondern größtenteils von England mitfinanziert werde und dann kein Geld mehr fürs Nötigste (Schulen, Krankenhäuser) etc. da sei und es unverantwortlich sei, die Schotten so auf sich zu stellen. „Wovon wollen sie denn leben, vom Scotch allein?“ Die Waliser, die eigene Unabhängigkeitsträume hegten („Wir sind aber noch lange nicht so weit“) gaben aber zu Bedenken, dass Unabhängigkeit ein Wert an sich sei und jedes Land früher oder später diesen Schritt gehen müsse.

Später holte mich mein Bekannter von der Woche davor ab und ich begab mich nochmal auf eine nächtliche Motorradtour durch die Straßen Santa Claras mit Zwischenstopps in studentenfrequentierten Lokalen, was nach dem langen und informationsreichen Tag eine angenehme Abwechslung war.

Morgends gings nach einem Frühstück (am Büffet…) zu den Sehenswürdigkeiten in Santa Clara, die ich ja schon eine Woche zuvor bestaunt hatte (s. „Che am Horizont“). Ich nutzte die Zeit, noch einige Fotos nachzuholen, die ich vorher nicht oder anders gemacht hatte und zog mich sogar zum Lesen in den Bus zurück, als die anderen ins Mausoleum und Museum abtauchten. Im Zentrum sahen wir das Teatro Caridad von innen (2 CUC), das noch fast in seinem ursprünglichen Zustand erhalten ist. Es war ursprünglich als Benefizorgan eingeweiht worden, durch dessen hohe Eintrittspreise (heute ca. 500€ pro Karte) Gelder für Bedürftige gesammelt werden sollten. „Seit der Revolution“ ist dies natürlich nicht mehr so und der Theaterbesuch für alle erschwinglich. Es liefen auch gerade Stell- und Requisitenproben, als wir drin waren. Nach einem kurzen Aufenthalt auf der Plaza, wo aus irgendeinem Grund gerade Spielmannszüge aufspielten, gingen wir noch kurz in die Einkaufszone („Boulevard“) und bestaunten die Warenvielfalt – natürlich wieder nur in CUC zu kriegen, zu dem nur Menschen mit Ausländerkontakten Zugang haben. Nach einem Mittagessen in unserem wirklich superschön gestalteten, aber leider etwas nichtssagenden Hotel gings dann wieder zurück nach Havanna und früh ins Bett.

Der Familienausflug

Am nächsten Morgen gings nämlich schon früh ins nahegelegene Naturschutzgebiet „Las Terrazas“, wohin mich die ganze Familie begleitete. Das war nochmal ein ganz anderer Schnack als die 4-Städte-Reise. Nach einem hektischen Frühstück und letzten Packvorbereitungen gings im Laufmarsch zum Capitolio, wo der Reisebus schon wartete. Die Terrazas waren, wenn ich das alles so richtig verstanden habe, bis vor wenigen Jahrzehnten ziemlich heruntergekommen. Mit dem Pflanzen von 6 Millionen (!) Bäumen, vor allem Palmen, wurden sie dann aber planmäßig wieder aufgeforstet. Das hat anscheinend sehr gut funktioniert und das Biosphärenreservat erschien uns als ein Musterbeispiel für Leben und Tourismus im Einklang mit der Natur. Es gab auch ein kleines Dorf, das regelrecht an und in die Hänge eingebaut war und ein Hotel, in dem etwa Balkone und Dächer um Bäume herumkonstruiert worden waren. Die Leute machten einen sehr entspannten und tourismusgeneigten Eindruck. Wir besuchten dort verschiedene Stationen wie das Haus des kubanischen Sängers Polo Montanés, der nach einer kurzen, aber steilen Karriere tödlich verunglückt war. Ich schwang mich auch mit dem Canopy in die Lüfte – sehr geil und nochmal ganz andere Ausblicke auf Hügel und den dorfeigenen See (kleine Fotoreihe folgt).

Sehr leckeres Mittagessen gabs neben Heilquellen, in die wir uns auch fast alle früher oder später begaben. Ich blieb aber wegen der Erkältung, die ich mir letzte Woche in Santa Clara eingefangen hatte, nicht lange im Wasser und zog mir schnell wieder trockene Sachen an. Wir vertrieben uns die Zeit mit Würfelspielen und Leutebeobachten, dazu tranken wir den mitgebrachten Wein aus Plastikbechern. Gegen halb 5 gings wieder nach Havanna.

Letzter Samstagabend

Abends fuhr ich mit einer máquina (kubanisches Taxi, meist in den alten Limousinen), um mich mit einer Bekannten im Park an der 23 und C (Schachbrettsystem) traf. Eigentlich wollten wir auf ein Konzert im Bertolt-Brecht-Saal, aber die Schlange war so lang, dass wir stattdessen lange durch die Gegend liefen. Auf dem Weg gerieten wir noch in ein Open-Air-Konzert der kubanischen Band „Moncada“, das uns aber auch nicht wirklich zusagte und so endeten wir auf einer sehr homosexuell dominierten Party in der Wohnung, wo ich 2 Wochen zuvor schon mit meiner Schwester und ihr gewesen war (da hatten 2 Mädels ihr 2-jähriges gefeiert). Die Tanzfläche im Wohnzimmer war immer voll und es ging hoch bzw. heiß her. Am Regal hingen süße handgeschriebene Schilder mit Aufschriften wie „¡VIVA LA DIVERSIDAD!“ (Es lebe die Vielfalt) oder “AREA PARA BAILAR, CANTAR Y DIVERTIRSE” (Bereich zum Tanzen, Singen und Spaßhaben). Als ich mit 2 anderen vom Rumkaufen wiederkam, sahen wir die Polizei vor der Haustür und die Leute herauskommen – die Feier war zuende und wir zogen mit einigen anderen an den nahen Malecón (Küstenstreifen) weiter, wo der Rum fast pur getrunken werden musste (es gab nur noch eine Dose mit Soda). Es wurde auf der Mauer getanzt und die vorbeigekommenen Musiker ebenfalls mit Rum bezahlt, bis sich einer von ihnen nur noch hinlegen wollte (und auch dem hartnäckigen Drängen seines Kollegen widerstand und einfach liegenblieb). Meine Bekannte und ich blieben dann noch lange auf der äußersten Mauer sitzen, guckten auf das Meer und die Lichter Havannas und redeten, bis wir eine máquina nahmen, die uns zuverlässig zuhause ablieferte.

Kulturprogramm

Am nächsten Nachmittag traf ich mich wieder mit ihr und einer Freundin am Teatro Nacional (am Platz der Revolution gelegen), wo wir eine Flamenco-Aufführung besuchten. Die Truppe wurde erst Anfang des Jahres von der ehemaligen Primaballerina Irene Rodriguez gegründet und hat mit ihrem innovativen Stil, der auch andere Tanzstile einbindet, schon einige Preise gewonnen. Es gab 3 Akte mit jeweils in verschiedenen Konstellationen getanzten Stücken, meist mit Liveband als Begleitung dazu. Der dritte Akt war das jüngst im internationalen Balletfestival von Havanna prämierten Stück „El crímen fué en Granada“, welches die Ermordung des Dichters Garcia Lorca tänzerisch und schauspielerisch umsetzt. Ich war echt fasziniert – von der Präzision und Körperbeherrschung der Tänzer, den Kostümen, der Musik… Und das mit dem Wissen, dass ich Dienstag schon fliegen würde.

Abschied und Wiedersehen

Montag verbrachte ich mit letzten Malen und dringenden letzten Vorbereitungen für die Abreise – wie immer fehlte am Ende Zeit für alles mögliche, was ich noch gern gemacht hatte oder Leute, die ich gern noch besucht hätte. Bei einem schnellen Besuch im Internet-Café stellte ich fest, dass mein Flug nach Panama nicht wie gedacht um acht Uhr abends sondern morgends gehen würde – wieder 12 Stunden weniger. Den letzten Abend verbrachte ich mit der Familie bzw. besuchten wir noch eine Nichte, die nach Spanien flog.

Nach letzten SMS und Anrufen und vielen Umarmungen gings dann morgens früh zum Flughafen, wo ich meine letzten CUC in Dollar tauschte und mich in der Wartehalle mit einer Kolumbianerin aus Bogotá unterhielt, die auch nach Panama flog. Immernoch zwischen Abschiedsschmerz und Vorfreude gefangen ließ ich Havanna mit Sonnenaufgang hinter mir.

Panama empfing mich mit einer feuchtwarmen Umarmung und strömendem Regen, doch dazu mehr im nächsten Beitrag.

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