Die Grenzen der Bewegungsfreiheit oder Der Konflikt im Alltag

Inzwischen habe ich mich einigermaßen in meinem neuen 9 to (mindestens) 5 –Alltag eingerichtet und verstehe auch das Bussystem immer besser, das am Anfang aufgrund der vielen individualisierten Routen durch die 9-Millionen-Stadt doch etwas verwirrend war.

Nachdem ich nämlich in den ersten Tagen einige Male vom Wege abgekommen und eine geringfügig andere Route als gewollt gefahren war (und dann zu Fuß woanders hinlaufen musste um zurück- oder ans Ziel zu gelangen), habe ich schon ziemlich viel entlang meiner normalen Fahrtroute und in meinem Wohnviertel kennengelernt. So wie ich mir durch solche Aktionen jeden Tag ein bisschen mehr Ortskenntnisse erarbeite, wird auch die inhaltliche Arbeit mit den Konzepten und vielen juristischen Begriffen im Büro langsam vertrauter.

Nicht vertraut ist mir hingegen die ständig fühlbare Unsicherheit und das große Misstrauen der Menschen in die eigene Gesellschaft: Die Alltäglichkeit des seit vielen Jahrzehnten herrschenden internen Gewaltkonfliktes hat in Kolumbien merklich ihre Spuren hinterlassen. Dies zeigt sich für mich vor allem in den zahlreichen kleinen Sicherheitsvorkehrungen, die man im Alltag beachten muss. Dazu zählen auch die vielen beiläufig erwähnten Beispiele von Überfällen oder geldmotivierten Entführungen im Bekanntenkreis.

All dies ist jedoch immer nur indirekt spürbar. Direkt erlebe ich eine in ihrer grenzenlosen Höflichkeit fast englisch anmutende Hauptstadtbevölkerung und sehr freundliche und vor allem hilfsbereite Mitmenschen. Dies gilt besonders für mein sehr nettes und witziges Team auf der Arbeit. Liebgewonnen habe ich auch das gastfreundliche ältere Ehepaar, bei denen ich ein Zimmer miete. Wenn ich nach Hause komme, fragen sie mich immer ganz süß über meinen Tag aus, es gibt täglich leckeres Frühstück und sogar ein kleines Obstpaket für die Arbeit mit!

Umgeben vom Konflikt*

Auch wenn die bewaffneten Auseinandersetzungen nur in einigen Landesteilen wirklich akut sind, ist der interne Konflikt allgegenwärtig. Da sind zum einen die Medien, deren Schlagzeilen täglich nicht nur Updates von den aktuellen Friedensverhandlungen zwischen der Guerilleros der FARC und der Regierung melden, sondern eben auch immer wieder etwaige Explosionen, Entführungen oder Vertreibungen durch Paramilitärs, Auftragskiller der organisierten Banden oder der Guerilla. Fast täglich wird auch über bekannte Politiker oder deren Vertraute berichtet, die aufgrund von Korruption oder Verstrickungen mit Gewaltakteuren vor Gericht stehen. Doch auch bei Gesprächen mit Bekannten oder natürlich bei inhaltlichen Themen im Projekt fällt das Wort „Konflikt“ häufig. Noch unmittelbarer wird es, wenn Bekannte und Kollegen von Entführungen oder Überfällen in ihrem Bekanntenkreis berichten. Besonders verbreitet ist der sogenannte „paseo millionario“ – der Millionärsausflug. Dabei wird das Taxi plötzlich angehalten (meist ist das Taxi gestohlen und der „Taxifahrer“ mit von der Gangsterpartie) und es steigen zwei weitere Mitfahrer ungebeten ein. Sodann wird gewohnt höflich darauf hingewiesen, dass es sich um den berüchtigten Millionärsausflug handelt und darum gebeten, Geld abzuheben („¡Qué pena con usted!“ – „Entschuldigen Sie bitte vielmals, wie unangenehm!“). Der so gekidnappte Fahrgast wird von einem zum nächsten Geldautomaten gefahren oder bis nach Mitternacht festgehalten, um auch das nächste Tageslimit noch mit auszuschöpfen. Die Alltäglichkeit dessen nimmt teilweise skurille Züge an: so berichtete eine Kollegin von einem peruanischen Rechtsexperten, dessen Taxi- und Mitfahrer mit ihm während des gesamten „Ausfluges“ angeregt und interessiert über Transitionsjustiz plauderten. Als sie ihn schließlich nach mehreren Stunden und vielen abgehobenen Millionen (2300 Peso ≈ 1€) irgendwo im gefährlicheren Süden der Stadt absetzten, gaben sie ihm einen Teil des ihm abgezogenen Geldes, um ihm die Rückfahrt zu seinem Hotel zu ermöglichen – wieder mit einem Taxi.

Wirklich fühlbar werden die Einschränkungen für mich jedoch, wenn ich versuche, mich einigermaßen an die vielen eindringlichen Ratschläge zu halten, die man allerorts kriegt (zumal als blonde Ausländerin): Pass immer auf die Handtasche auf, nimm die Kreditkarte nur direkt zum Geldabheben mit, heb nur tagsüber und möglichst in Einkaufszentren ab, fahr nie mit einem Taxi von der Straße (sondern ruf immer ein offizielles), geh nicht allein im Dunkeln…

So wird jedes Verlassen des Hauses zu einer logistisch zu durchdenkenden Aktion, auch wenn ich mich langsam schon etwas daran gewöhnt habe.

*Kurioserweise las ich genau am Morgen, nachdem ich diesen Abschnitt geschrieben hatte, die Schlagzeile „Unsicherheit umgibt Bogotá“ auf der Titelseite einer Landeszeitung.

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„Unsicherheit umgibt Bogotá“ (c) ADN Colombia

Kleiner subjektiver Sicherheitsvergleich

Seit Beginn der Reise hat das Sicherheitsempfinden von Land zu Land abgenommen: Zunächst Kuba, das nicht zuletzt wegen den Polizisten und Partei-Spitzeln an jeder Häuserecke auch im Dunkeln, im Gruppentaxi oder mit fancy Kamera um den Hals nie bedrohlich wirkte.

In Panama bewegte ich mich ja auf bekanntem Terrain und wusste, welche Gebiete ich meiden muss. Laufen im Dunkeln war trotzdem oft nicht angesagt – es sei denn in größeren Gruppen. Taxen auf der Straße zu nehmen ist aber generell unbedenklich. Zumal ich ja immer meine Top-Präventionsstrategie anwende, mich mit dem Fahrer über Gott und die Welt oder meistens Politik zu unterhalten, sodass sie hoffentlich mit mir sympathisieren und ich kein anonymes Opfer mehr bin. Hierzu siehe auch das „Best of Taxi-Special“.

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Beim Neujahrsbesuch bei Eva in Mexiko war es schon schwieriger, sich zu bewegen. Sie hatte in Kuba auch vielfach gesagt, wie komisch es sich schon für sie anfühle, im Dunkeln noch unterwegs sein zu können, ohne (begründete) Angst haben zu müssen. Auch hier gab es jedoch von Mexikanern und Freunden immer wieder wiederholte Verhaltensregeln: Mit der U-Bahn besser nur tagsüber fahren, nicht (alleine) im Dunkeln laufen und möglichst immer ein Taxi bestellen, damit man auch sicher sein kann, dass es offiziell ist. Trotzdem sind wir manchmal zu mehreren mit Taxen von der Straße gefahren, Eva hat sich dann jedoch immer die Taxi-Lizenz zeigen lassen und auf dem Anschalten des Taxometers bestanden.

Hier in Bogotá ist es nun alles nochmal eine Spur ernster – zumindest den Ratschlägen und Erzählungen zufolge. Wie relativ das immer zu betrachten sind, lässt sich natürlich letztlich nicht beurteilen. Denn auch in Deutschland, Berlin und vor allem im Wedding gehören bewaffnete Überfälle und Einbrüche (allein 3 bei mir im Haus letztes Jahr) ja leider zum Alltag. Trotzdem ist es hier natürlich generell etwas gefährlicher (vom internen Konflikt mal ganz abgesehen) und man tut sicher gut daran, die Ratschläge nicht gleich als übertrieben abzutun.

Erwartung und Wirklichkeit des „tobenden Drogenkrieges“ in Mexiko

Aufgrund der vielen dementsprechenden wissenschaftlichen Publikationen und Medienberichten hatte ich mir ehrlich gesagt auch in Mexiko die Gewalt viel allgegenwärtiger und sichtbarer vorgestellt. Abgesehen davon, dass sich die Schauplätze der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen dem organisierten Verbreichen, Staat und Zivilbevölkerung eher außerhalb von Mexiko-Stadt befinden, habe ich mich ja in den 6 Tagen Aufenthalt auch nur in sehr begrenzten Kreisen bewegt. Spürbar waren die Auswirkungen jedoch in dem ehemals sehr beliebten Urlaubsort Cuernavaca, der in der Nähe der Hauptstadt liegt. Seit sich dort nämlich vermehrt auch Drogenbosse in den Villen niederlassen, kam auch die Gewalt und der Wochenend- und Ferientourismus ließ stark nach. In der Silvesternacht sahen wir auf der Taxifahrt in den Club kurz nach Mitternacht wirklich keine Menschenseele auf den Straßen. Und auch hier wird man schnell mit der (für mich unvorstellbaren) Realität der Gewalt konfrontiert: So erzählte mir eine Freundin meiner Schwester, dass sie und ihr Exfreund letzten Sommer bei einem Sonntagsspaziergang plötzlich auf offener Straße entführt worden seien. Während sie 48 Stunden lang geknebelt und ohne Essen und Trinken festgehalten wurden, mussten ihre Familien 500.000 mexikanische Pesos (ca. 30.000€) auftreiben. In der Zwischenzeit drohten die Entführer ihnen immer wieder, einen Finger abzuschneiden oder sie zu vergewaltigen, falls das Geld nicht rechtzeitig übergeben würde. Nach einem solchen Erlebnis wieder aus dem Haus zu gehen bzw. die Tochter aus dem Haus gehen lassen zu wollen, stelle ich mir als ständigen Kampf gegen die Erinnerungen vor. Auch die Beziehung fiel letztlich der Entführung zum Opfer – der Anblick des anderen erinnerte ständig an die Schrecken des gemeinsam Erlebten.

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Abgesehen davon erlebten wir allerdings eine Stadt, der man ihre gigantischen Dimensionen spätestens bei den langen Strecken und dem Ausblick auf die vielen eng besiedelten Hügellandschaften anmerkt. Ansonsten verlief der Alltag aber in sehr ruhigen Bahnen. Die Leute aus Evas Viertel vom Mini-Supermarkt um die Ecke (für Insider: Oxxo) oder die Empanada-Frau begrüßten sie sehr herzlich. Allgemein erlebte ich die Hauptstädter zwar als sehr laut – ständig wurde von einem der vielen vielen Straßenhändler irgendwas angepriesen, egal wo und wann – aber gleichzeitig überraschend entspannt. In der laut Wikipedia größten Stadt der Welt (und dann auch noch mit dem Gewaltkonflikt im Hintergrund) hätte ich einen sehr viel kälteren und abgeklärteren Umgang erwartet. Hinzu kam noch, dass es kaum Hochhäuser gibt. Die meisten Häuser sind nur zwei- oder höchstens dreistöckig und tragen zur entspannten, fast kleinstädtischen Atmosphäre mit bei.

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U-Bahn Station in Mexiko DF
Schummriges Foto in der U-Bahn Station in Mexiko-Stadt

Meine Ferien sind vorbei!

Mit meiner Ankunft in Kolumbien endete nun auch meine lange Reisezeit von über zwei Monaten. Seit Anfang Januar hat jetzt endlich das Praktikum angefangen, welches ja der eigentliche Zweck meiner Reise war. Der Anfang hatte sich aufgrund meiner anhaltend starken Erkältung leider um fast eine Woche verschoben. Seit über zwei Wochen beschäftige ich mich nun aber hauptberuflich mit Maßnahmen zur Stärkung des kolumbianischen Rechtsstaates und habe mich schon durch viele Akten und Texte gefressen. Da das Projekt auf der Ebene der Justiz ansetzt, geht das Lesen durch etwaige Definitionen-, Gesetzes- oder Urteilsgoogelei manchmal allerdings noch etwas stockend von statten. Ich lerne aber viel und finde es sehr interessant, mal aus meiner methodisch noch eher politikwissenschaftlich geprägten Vogelperspektive herauszukommen und mich nun mit der konkreten Umsetzung von Statebuilding-Konzepten zu beschäftigen.

Morgendliche Rush-Hour von der Fußgängerbrücke aus - In diesem Stau werde ich kurz darauf auch stecken
Morgendliche Rush-Hour von der Fußgängerbrücke aus – In diesem Stau werde ich kurz darauf auch stecken

Die Maßnahmen zur Stärkung des Rechtsstaats

Das Projekt unterstützt die zuständigen kolumbianischen Institutionen dabei auf verschiedenen Ebenen. Grundsätzlich sollen sowohl eine einheitliche Rechtspolitik als auch verlässliche Rechtsquellen geschaffen werden. Bisher ist es nämlich häufig so, dass die Richter aller Ebenen nach persönlichem Gutdünken entscheiden, ohne anderswo gefällte Urteile als verbindliche Grundlage ihrer Entscheidungen zu betrachten. Einer der thematischen Schwerpunkte liegt dabei im Verwaltungsrecht. Begründet wird dies damit, dass hier der Bürger sehr direkt mit dem Staat in Berührung kommt. So besteht dort die Chance, durch verbesserten Zugang zum Recht und z.B. eine Reduzierung des Verfahrensstaus das Vertrauen in den Staat als Institution für den Bürger zu stärken.

Ein weiterer großer Bereich beschäftigt sich mit der Opferentschädigung im Rahmen der Transitionsjustiz, deren Wiedergutmachungs-Maßnahmen die massiven Menschenrechtsverletzungen des internen Konflikts aufarbeiten sollen. Hier wird nach diesen ersten Wochen der allgemeinen Einarbeitung auch mein schwerpunktmäßiger Arbeitsbereich liegen. Es bleibt also alles spannend!

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PS: Es gibt jetzt erstmal leider nur Handyfotos, die große Kamera darf noch nicht mit raus!

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