Zurück im alten Europa

Nach einigen ersten komischen Tagen der Eingewöhnung fühle ich mich nun wieder „normal“ hier in meiner gewohnten Berliner Umgebung und freue mich sehr, wieder (verhältnismäßig) nah bei Freunden und Familie zu sein. Jetzt sind meine Gedanken auch nicht mehr so sehr in Kolumbien wie noch am Anfang, als ich ständig Vergleiche zog. Obwohl es ja nicht mein erster längerer Lateinamerika-Aufenthalt war, war es dieses Mal doch anders als sonst. Vor allem da ich in vier so verschiedenen Ländern so viele verschiedene Eindrücke gewonnen und Erfahrungen gemacht habe.

Dies lag auch daran, dass ich in jedem der Länder ein unterschiedliches Vorhaben hatte: in Kuba wollte ich vor allem diese vielen Widersprüche zu verstehen versuchen, die mich schon so lange beschäftigt hatten (ich habe mit 13 Jahren angefangen, über Kuba zu lesen). Ich sog alles in mir auf und versuchte jeden Tag, mehr zu erfahren und führte viele Gespräche mit vielen Personen. Vor allem mit den tollen Menschen, bei denen ich lebte und die ich sehr ins Herz geschlossen habe.

Aber auch mit den neuen Freunden, mit denen ich unglaubliche Nächte tanzend in irgendeinem Wohnzimmer oder auf irgendeiner Mauer des Malecóns oder auf langen nächtlichen Spaziergängen durch die Straßen Havannas verbrachte. Ich las auch viel kubanische Literatur (vor allem Padura, den ich auch kennenlernen durfte) und saß oft in der Abendsonne am Malecón – mit Blick auf das Meer und den Horizont, hinter dem man das nahe Florida weiß. Letztendlich bin ich nach den fünf langen Wochen mit mehr Fragen als Antworten nach Panama weitergeflogen – und mit einer scheinbar unheilbaren Havanna-Sehnsucht.

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In Panama hingegen war ich vielmehr auf „Heimatbesuch“: ich besuchte meine alten Freunde, die ich teilweise schon seit über 10 Jahren kenne und verbrachte viel Zeit mit Menschen und an Orten, die mir sehr vertraut sind.

Wenn wir an einem Ort waren, und sei es noch so kurz, und ihn dann wieder verlassen, bleibt immer etwas von uns dort zurück.“1

Dieses Gefühl empfinde ich besonders stark in Panama und wenn ich dort bin, ist es, als wenn dieser Teil meiner Identität wieder zu immer neuem Leben erweckt wird. Es ist schön, mit den alten Freunden neue Erfahrungen zu machen und zu sehen, wie wir uns alle ständig weiterentwickeln. Seit unserem Schulabschluss wurden Ehen geschlossen (und auch schon wieder geschieden), viele Kinder geboren, einige sind aus Volcán weggezogen (und auch schon wieder gekommen). Und doch haben sich die meisten nie aus den Augen verloren. Ich bin sehr dankbar, jedes Mal doch in gewisser Weise immer noch dasselbe (Dorf-)Leben fortführen zu können, das in Volcán vor vielen Jahren als Austauschschülerin begann.

Diesmal war es besonders schön, weil mich noch meine Schwester Eva aus Mexiko besuchte und ich ihr dank meiner Freunde so richtig mein Leben in Volcán (und Panama City und Isla Colón) zeigen konnte. Unsere Treffen zogen sich auch wie ein roter Faden durch meine Reise: Erst in Kuba, dann in Panama und dann zwei Mal in Mexiko konnten wir viele Momente im wahrsten Sinne des Wortes „unter Schwestern“ verbringen.

1Vgl. Nachtzug nach Lissabon, 2012

In Mexiko war vor allem um Eva zu besuchen. So verbrachte ich dort Silvester und einen Familienurlaub (mit allen 7!!!) über Ostern. Es war ein großes Wiedersehen auf der anderen Seite des Teiches, wo wir soviel erlebt haben, dass der Platz hier nicht ausreicht und dazu schon ein eigener Artikel in Vorbereitung ist. Hier aber schonmal einige visuelle Impressionen aus dem Land der Widersprüche:

Mein Aufenthalt in Kolumbien wiederum stand ganz im Zeichen meines Praktikums bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Abgesehen davon, dass nach all den austauschbaren Nebenjobs während des Studiums mal sehr angenehm war, eine anspruchsvolle Arbeit zu machen, war das Thema State-Building in Kolumbien für mich auch schon lange eine (wissenschaftliche) Herzensangelegenheit. Es war ein schönes Gefühl, in etwas zu arbeiten, was mich wirklich interessiert und für das ich mich kompetent fühle. Dazu hatte ich ein gleichermaßen herzliches wie auch kompetentes Team und zwei Auftragsverantwortliche, die uns Praktikanten wirklich ernstnahmen und förderten. So hatte ich nach den ersten Wochen der Einarbeitung und verschiedener Aufgaben (von der Jahreskonferenz-Vorbereitung bis zu Redaktions- und Rechercheaufgaben) ein Gespräch, in dem wir meinen weiteren Praktikumsverlauf besprachen und ich meinen Schwerpunkt festlegte.

Ab dann war ich fast nur noch in unserem zweiten Büro-Standort in der Defensoría del pueblo tätig, so eine Art staatliche Ombudsbehörde für Menschenrechte, die sich vor allem um die Opfer des bewaffneten Konflikts kümmert. Bis mein Antrag für den “Funktionärs-Zugang” (mit Fingerabdruck) genehmigt wurde, wartete ich jeden Morgen am öffentlichen Eingang in der Schlange mit den Menschenrechtsopfern. Teilweise musste ich dabei auch mit ansehen, wie sie an der Tür von irgendwelchen Sicherheitsleuten abgewiesen wurden, die dazu gar keine Kompetenz hatten, sondern eigentlich nur auf Waffen etc. überprüfen sollten. (Ich habe das dann aber immer sofort weitergegeben an meinen Kollegen, der die zuständige Ansprechperson darüber informiert hat… vielleicht hat es ja was gebracht.) Das fand ich umso schlimmer, als ja viele dieser Menschen bisher eher schlechte Erfahrungen mit dem Staat und seinen Repräsentanten wie dem Militär gemacht haben. Mit ihrem Gang zur Defensoría haben Sie sich getraut, vom neu festgeschriebenen Recht auf Entschädigung Gebrauch zu machen. Demnach hat der Staat immer Entschädigung zu leisten, auch wenn die Menschenrechtsverletzung von anderen Akteuren des Konfliktes (Paramilitärs, Guerilla oder organisierte Banden/ Drogenkartelle) begangen wurde, weil er seine Pflicht, den Bürger zu schützen, missachtet hat.

Bogotá
Bogotá

Hauptsächlich arbeitete ich dann auch zu einem Monitoring, wie gut der Staat das Recht auf Entschädigung umsetzt. Dazu wurden aus dem Gesetzestext heraus an die 300 Indikatoren verfasst, die wir dann in langen Sitzungen (meist vor oder nach der normalen Arbeitszeit, damit alle Zeit hatten) Punkt für Punkt ausdiskutierten. Mit dabei waren die staatlich beauftragte Nichtregierungsorganisation CODHES, Vertreter der Generalanwaltschaft und die “Opferdelegierten” der Ombudsbehörde. Das war zwar oft auch anstrengend, aber sehr spannend und wir sind als Gruppe immer effizienter in der Entscheidungsfindung geworden. Am Ende ist es mir sehr schwergefallen zu gehen, vor allem weil in den Wochen danach noch einige intensive Sitzungen anstanden, bei denen ich gern dabei gewesen wäre.

Ganz am Schluss wollte ich doch nochmal das „richtige“ Kolumbien außerhalb des (im Hochland doch etwas isolierten) Bogotás kennenlernen und war je eine Woche in Medellín und Cartagena. Das war sehr schön und ich habe mal wieder viel erlebt und gelernt – auch das verdient eigenen Artikel. Hier schonmal einige Impressionen von dieser kleinen Abschlussreise:

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